ARCHITEKTENGESPRÄCH
> Dirk Stenzel, ASUNA
// Für ASUNA ist Architektur ein Mittel, um urbane Räume lebendig zu gestalten und nachhaltige Stadtentwicklung zu fördern. Ziel ist es, Gebäude und urbane Räume zu planen, die die Wechselwirkungen von Ökologie und Bautechnik konsequent berücksichtigen und daraus eine zeitgemäße Architektur entwickeln. Die beteiligten Bauherrengruppen sind dabei mehr als nur Nutzer: Sie gestalten aktiv mit, diskutieren Materialwahl, Grundrisse und Bauprozesse und machen jedes Gebäude zu einem lebendigen Gemeinschaftsprojekt.
Nachhaltig geplant, sozial gedacht
Ein Gespräch mit Dirk Stenzel vom Leipziger Architekturbüro ASUNA
Mit Projekten wie dem fünfgeschossigen Massivholzhaus Z8 oder dem experimentellen Wohnprojekt K10 zeigt das Leipziger Büro ASUNA, wie sich ökologische Verantwortung, soziales Engagement und kreative Materiallösungen miteinander verbinden lassen. Das Büro arbeitet häufig für partizipative Bauherrengruppen und setzt dabei konsequent auf Holzbau und auf Upcycling. Im Gespräch erklärt Bürogründer Dirk Stenzel, welche Herausforderungen sich dabei ergeben.
BLACKPRINT: Herr Stenzel, das Z8 gilt als erstes fünfgeschossiges Wohn- und Geschäftshaus in Holzmassivbauweise in Sachsen. Wie kam die Entscheidung für das Projekt zustande?
Dirk Stenzel: Ich bin jetzt seit 27 Jahren freiberuflich in Leipzig tätig und habe 2015 das Büro ASUNA – Atelier für strategische und nachhaltige Architektur – gegründet. Der Anlass war, dass ich in der Bauwirtschaft auf viele Fragen gestoßen bin und häufig keine befriedigenden Antworten gefunden habe. Ich wollte stärker auf nachhaltige Architektur setzen: ökologisches Bauen, soziale Verantwortung – alles Themen, die heute selbstverständlich sind, damals aber kaum diskutiert wurden. Das Z8 war unser erstes eigeninitiatives Projekt. Wir haben das Grundstück gekauft und eine Bauherrengemeinschaft gegründet, mit einem Nutzungsmix aus 40 % Gewerbe und 60 % Wohnen. Die ersten beiden Geschosse sind Gewerbeflächen, darüber liegen vier Wohnungen, die von Mitgliedern der Gruppe bewohnt werden. Mir war von Anfang an wichtig, Holzbau einzubringen, denn größere Holzbauten waren in Leipzig und Sachsen damals fast unbekannt. 2016 existierten weder eine Holzbaurichtlinie noch etablierte Regelwerke, Holzbau in dieser Größenordnung war nahezu Neuland. Das Projekt hat dann letztlich dazu beigetragen, das Thema hier in der Region zu stärken und größere Massivholzbauten überhaupt erst möglich zu machen.
Das fünfgeschossige Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Felsenkellerstraße / Kösner Straße beherbergt neben Gewerbeflächen in den beiden unteren Ebenen auch vier Wohnungen, die von den Mitgliedern der Bauherrengemeinschaft selbst bewohnt werden.
BLACKPRINT: Sie haben das Projekt also als Bauherrengruppe von Anfang an gemeinsam entwickelt?
Dirk Stenzel: Ja, genau. Nachdem die erste Idee feststand, haben wir Schritt für Schritt Mitstreiterinnen und Mitstreiter gesucht, die bereit waren, sich zu engagieren. Jeder hat seine Wünsche für die Wohnungen oder Gewerbeflächen eingebracht, gemeinsam haben wir intensiv über Grundrisse, Materialwahl, Fassadengestaltung und ökologische Aspekte diskutiert – immer mit dem Ziel, private Nutzung, gemeinschaftliche Flächen, energetische Effizienz, Kosten und langfristige Instandhaltung unter einen Hut zu bringen.
BLACKPRINT: Welche Nachhaltigkeitsaspekte standen bei der Konzeption des Gebäudes im Vordergrund?
Dirk Stenzel: Beim Z8 haben wir konsequent ein ganzheitliches Konzept umgesetzt: Die Grundrisse sind flexibel und barrierefrei gestaltet, mit Stützen-Riegel-Konstruktionen, die auch spätere Umnutzungen ermöglichen. Die Dachbegrünung schafft nutzbare Freiflächen und reduziert die innerstädtische Aufheizung. Für die Energieversorgung sorgen zwei Wärmepumpenanlagen, Erdwärme, Kollektoren auf dem Dach sowie wassergeführte Kamine. Im Rahmen der Holzbauweise haben wir Brettsperrholz-Außenwände und tragende Stützen eingesetzt, um die Wohnungen variabel nutzbar zu halten. Die Wohnflächen liegen zwischen 120 und 180 Quadratmetern. Auch die Gewerbeflächen werden selbst genutzt, darunter ein Möbel- und Büromöbelgeschäft. Externe Investoren gab es nicht; gefördert wurde lediglich der KfW-55-Standard.
Auf den drei oberen Ebenen wurden vier luftige und helle Wohnungen integriert.
BLACKPRINT: Sie sind selbst Teil der Bauherrengruppe...
Dirk Stenzel: Ja, und das erfordert immer einen intensiven Dialog, eine enge Abstimmung und viele Kompromisse, teilweise auch Mediation. Die meisten unserer Projekte entstehen in solchen Bauherrengemeinschaften, in Genossenschaften, Mietshäuser-Syndikaten oder WEG. Die Gruppen bringen ihre Lebensentwürfe ein; so werden Gebäude von den Nutzern geprägt, nicht von Investoren.
BLACKPRINT: Wie ist die ikonische Form des Z8 entstanden?
Dirk Stenzel: Das dreiecksförmige Grundstück war ziemlich anspruchsvoll und für Investoren wenig attraktiv. Im Ergebnis hat sich daraus eigentlich ganz von selbst die besondere Baukörperform ergeben. Der Entwurf orientiert sich an der Grundstücksgrenze, nimmt die runde Eckkante auf und passt sich in der Höhe an die Nachbarschaft an. Die aufgeständerte Ecke über einer öffentlichen Wasserleitung haben wir kreativ als Eingangsbereich genutzt. Und auch sonst haben wir viele Details im Dialog mit der Bauherrengruppe entwickelt und dazu Vorschläge ausprobiert, diskutiert und angepasst. Auch die Entscheidungen im Innenausbau, etwa Holzarten, Lehmputz oder Fensterprofile, haben wir in mehreren Workshops gemeinsam getroffen.
Die markante Gebäudefigur hat sich fast zwangsläufig aus dem dreiecksförmigen Grundstück ergeben.
BLACKPRINT: Wenn Sie heute zurückblicken: Was war die größte Herausforderung bei dem Projekt?
Dirk Stenzel: Überraschenderweise verlief die Umsetzung vergleichsweise reibungslos, da wir früh Abweichungen von der Bauordnung vereinbart und Brandschutz, Prüfingenieur und Bauordnungsamt eng eingebunden haben. Schwieriger war das Grundstück selbst, das als ehemalige Tankstelle stark belastet war. Bei Erdarbeiten sind wir noch bis 3,50 Meter Tiefe auf stark kontaminierten Boden gestoßen. Das war technisch und organisatorisch anspruchsvoll, aber lösbar. Spannend war vor allem zu sehen, wie sich Holzbau und städtische Verdichtung gerade auf so einem ungewöhnlichen Grundstück verbinden lassen.
BLACKPRINT: Zuletzt haben Sie das Projekt K10 realisiert und dabei recycelte Beton-Schalhäute und Holzelemente aus dem ehemaligen Holzboden eingesetzt. Welche Chancen und welche praktischen Herausforderungen sehen Sie im Upcycling im Hochbau?
Dirk Stenzel: Das K10 entstand im Rahmen einer Konzeptvergabe der Stadt Leipzig, bei der Grundstücke über Erbbaurechte ausschließlich an Baugemeinschaften vergeben werden, um solche Projekte gezielt zu fördern. Es gehörte zu den ersten beiden Vergaben dieser Art. Die Gruppe, die sich daraufhin gebildet hat, gehört dem Mietshäuser-Syndikat an – ein Modell, das ganz gezielt den Immobilienmarkt umgeht, da das Gebäude unverkäuflich ist und dauerhaft gemeinschaftlich verwaltet bleibt. Die Gruppe ist ziemlich bunt zusammengesetzt und umfasst 16 Erwachsene und 12 Kinder. Davon ausgehend haben wir ein Cluster-Wohnmodell entwickelt: Jede Etage umfasst rund 200 Quadratmeter mit einem zentralen Gemeinschaftsbereich und angrenzenden Privaträumen. Eine große Herausforderung war das knappe Budget. Ursprünglich war eine Kaltmiete von 7,50 Euro pro Quadratmeter geplant, nach Fertigstellung liegt sie bei etwa 8 Euro. Das ist für Leipziger Neubauten aber immer noch sehr günstig, die aktuelle Marktmiete liegt bei 14 bis 16 Euro. Trotzdem konnten wir zentrale Nachhaltigkeitsaspekte umsetzen.
Für die Fassade des K10 kamen recycelte Beton-Schalhäute und Holzelemente aus dem ehemaligen Holzboden eines anderen Gebäudes zum Einsatz.
BLACKPRINT: Welche Aspekte sind das?
Dirk Stenzel: Das Gebäude ist ein Holzskelettbau, nur der Treppenhauskern besteht aus Beton. So entsteht eine Hybridlösung, bei der Beton nur dort eingesetzt wird, wo er wirklich nötig ist. Die Wärmepumpenanlage war zunächst finanziell nicht realisierbar; das Gebäude wurde jedoch so vorbereitet, dass ein Niedertemperatursystem später leicht nachgerüstet werden kann. Aktuell erfolgt die Beheizung über Fernwärme, perspektivisch ist eine ökologische Wärmepumpe vorgesehen.
BLACKPRINT: Auffallend ist natürlich auch die Fassadengestaltung...
Dirk Stenzel: Auch die ist im engen Austausch mit der Bauherrengruppe entstanden. Ausgangspunkt war ein alter Ziegelkeller auf dem Grundstück, dessen Ziegel für die Erdgeschossverkleidung wiederverwendet wurden. Für die oberen Fassaden haben wir ebenfalls nach wiederverwendbaren Materialien gesucht und sind dabei auf Schalungsplatten von Betonschalungen gestoßen, die nach wenigen Einsätzen ersetzt werden, obwohl sie noch funktionstüchtig sind. Zusammen mit Abdeckbrettern aus einem anderen Projekt haben wir die Platten als Stülpschalung montiert. So ist eine Fassade entstanden, die gestalterisch konsequent, materialbewusst und nachhaltig ist. In einigen Bereichen kann man sogar den Hersteller ablesen. Zur Umsetzung haben wir mehrere Wochenend-Workshops zum Thema Fassade durchgeführt, dabei alle Eventualitäten durchgespielt und uns schließlich auf eine Variante geeinigt.
BLACKPRINT: Eine sehr mutige Lösung, der Bau wirkt wie eine experimentelle Collage...
Dirk Stenzel: Ja, wir wollten ganz bewusst auch polarisieren, um unsere Themen sichtbar zu machen. Beim Z8-Projekt ging es vor allem um Holzbau, und dadurch wurden auch andere Holzbauten in Leipzig angeregt. Beim K10 steht die Wiederverwendung von Baustoffen im Vordergrund. Der Bausektor verbraucht weltweit rund 50 % der Ressourcen, da muss sich dringend etwas ändern. Bei jedem Projekt überlegen wir daher, wie Materialien wiederverwendet werden können und Bauweisen kreislauffähig gestaltet werden. Ein weiteres Thema ist die Wohnfläche: Die K10-Gruppe hatte entschieden, dass jede Person maximal 30 Quadratmeter Wohnfläche haben sollte, also deutlich weniger als der deutsche Durchschnitt von 47 Quadratmetern. Im Cluster-Wohnmodell funktioniert das gut, auch für Familien, da die Gemeinschaftsflächen flexibel genutzt werden können.
Im Zusammenspiel der verschiedenen Werkstoffe ist eine mutig-kontrastreiche Materialcollage entstanden.
BLACKPRINT: Haben Sie aktuell ähnliche Projekte in Planung?
Dirk Stenzel: Ja, mehrere. Mir ist das ein Herzensanliegen, deshalb habe ich eine gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft gegründet. Bis vor kurzem war Wohnen als gemeinnütziger Zweck in Deutschland kaum möglich – es gab nur zwei solcher Genossenschaften. Eine davon ist nun in Leipzig, wo wir gerade ein inklusives Sozialwohnprojekt umgesetzt haben. Es ist ein Holzbau mit Wärmepumpenanlage und Dachgarten und wurde ebenfalls über die Konzeptvergabe der Stadt realisiert, als klassischer inklusiver Sozialwohnungsbau, bei dem soziale und ökologische Aspekte zusammenkommen.
BLACKPRINT: Ein wichtiger Schwerpunkt Ihres Büros sind Bestandsgebäude. Wie gehen Sie hier vor?
Dirk Stenzel: Ein Beispiel dafür ist das GS1, ein relativ großes Eckgebäude von rund 1.600 m² für eine Genossenschaft, das wir gemeinsam mit einer engagierten Hausgruppe saniert haben. Da das Gebäude unter Denkmalschutz stand, mussten die äußeren Fassaden sorgfältig umgesetzt werden. Die Kastenfenster konnten wir dabei erhalten und aufarbeiten. Solche Maßnahmen zeigen, dass konsequente Sanierung, Partizipation und Nachhaltigkeit auch im Bestand möglich sind.
Mit dem Projekt GS1 haben die Architekten ein denkmalgeschütztes Eckgebäude für eine Genossenschaft saniert.
BLACKPRINT: Ihr eigenes Büro befindet sich ebenfalls in einem sanierten Altbau…
Dirk Stenzel: Ja, für unser Büro haben wir eine alte Garage umgebaut, die Holzbalken freigelegt und die Wände mit Lehmfarbe gestrichen – das passt zur Philosophie, auch wenn sich im Bestand nicht alles umsetzen lässt.
BLACKPRINT: Das sind alles spannende Projekte. Und es klingt, als sei Leipzig ein lebendiges Labor für gemeinschaftliches Engagement und experimentelle Wohnformen.
Dirk Stenzel: Ja, absolut. Es gibt derzeit viele Einzelhausprojekte, aber auch größere Initiativen wie die SOWO, eine solidarische Wohngenossenschaft, die insgesamt acht Häuser im Leipziger Westen besitzt. Viele dieser Projekte werden von der Stadt Leipzig unterstützt, etwa über unser Netzwerk Leipziger Freiheit. Wir beraten zum Beispiel bei Eigentümerwechseln, die 25 bis 30 Jahre nach den ersten Sanierungen in der Wendezeit möglich sind. Dann haben die Mieter die Möglichkeit, ihr eigenes Haus zu übernehmen und erforderliche Sanierungsmaßnahmen umzusetzen. Ich selbst berate als Mitglied im Netzwerk Leipziger Freiheit solche Gruppen, die ein Haus kaufen und sanieren möchten.
BLACKPRINT: Auf Ihrer Website schreiben Sie: „Die seit Jahrhunderten gesammelten Erkenntnisse beim Bauen werden bei diesen neuen und ‚innovativen‘ Bauprodukten außer Acht gelassen bzw. bewusst negiert.“ An welche Erkenntnisse denken Sie hier insbesondere?
Dirk Stenzel: Dabei geht es uns vor allem um Naturbaustoffe wie Holz, Lehm und Kalk, deren Eigenschaften sich nicht künstlich nachbauen lassen. Moderne Produkte enthalten oft Zusätze, die Recycling erschweren. Auch Carbonbeton ist problematisch: Er hat sehr gute Eigenschaften, die Wiederverwendbarkeit ist aber aus meiner Sicht noch nicht vollständig geklärt. Es geht immer um die Vermeidung von Verbundbaustoffen. Wir setzen deshalb ganz bewusst auf bewährte Materialien, die ökologisch und langlebig sind. Holz- und Lehmbau existieren seit Jahrhunderten, sind aber in der modernen Praxis noch nicht ausreichend etabliert. Bei Neuentwicklungen bin ich deshalb immer kritisch und frage, was sie wirklich bringen.
BLACKPRINT: Gab es in den vergangenen Jahren Annahmen zum nachhaltigen Bauen, die sich in der Praxis anders dargestellt haben als erwartet? Und welche Lehre ziehen Sie daraus für Ihre heutige Planungs- und Entscheidungsstrategie?
Dirk Stenzel: Unsere Strategie konzentriert sich auf drei zentrale Handlungsfelder: Rohbau, Energieversorgung und soziale Aspekte. Im Rohbau setzen wir konsequent auf Holz, bei der Energieversorgung auf effiziente und regenerative Systeme, und bei sozialen Aspekten fokussieren wir uns auf gemeinschaftliche Modelle wie Genossenschaften oder Mietshäuser-Syndikat-Projekte. Wo wir uns weiterentwickeln müssen, ist die ökologische Umsetzung mancher Konstruktionen. Verbundsysteme lassen sich noch nicht vollständig nachhaltig bauen, und ökologische Baustoffe sind oft deutlich teurer als konventionelle. Langfristig gleichen sich die Preise durch CO₂-Abgaben, Recycling und knappe Rohstoffe aber langsam aus. Im Trockeninnenausbau steigen etwa die Preise für Gipsplatten, während Lehmbauprodukte stabil bleiben. Wir kommen also voran, langsam, aber stetig.
BLACKPRINT: Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Robert Uhde.
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