ARCHITEKTENGESPRÄCH
> Felicitas Schoberth, Architektin und Gründungspartnerin bei KEBE + SCHOBERTH Architekten
// Das Alte Rathaus Berlin-Marzahn, ein Verwaltungsbau der DDR-Moderne, wird derzeit umfassend saniert. KEBE + SCHOBERTH ARCHITEKTEN verantworten nahezu alle Leistungsphasen – von der Analyse bis zur Umsetzung – und zeigen, wie sich hohe energetische Standards mit den Anforderungen des Denkmalschutzes vereinen lassen. Wir haben mit Architektin Felicitas Schoberth gesprochen, um mehr über das Projekt zu erfahren.
Gelungene Transformation: Energetische Sanierung des Alten Rathauses Berlin-Marzahn
Interview mit Felicitas Schoberth vom Büro KEBE + SCHOBERTH Architekten
Bei der Sanierung des Alten Rathauses in Berlin-Marzahn stehen KEBE + SCHOBERTH ARCHITEKTEN vor einer großen Herausforderung: Einerseits muss der Verwaltungsbau der DDR-Moderne technisch und energetisch fit für die Zukunft gemacht werden, andererseits darf sein charakteristisches Erscheinungsbild nicht verloren gehen. Gemeinsam mit Denkmalschutz, Fachplanern und Bauherrschaft haben KEBE + SCHOBERTH ARCHITEKTEN projektspezifische Lösungen entwickelt, die sogar „chirurgische Maßnahmen“ umfassen.
Mitten im Kiez: Panorama-Ansicht des denkmalgeschützten Rathauses in Berlin-Marzahn.
BLACKPRINT: Was würden Sie als besonders charakteristisch für die Arbeitsweise von KEBE + SCHOBERTH ARCHITEKTEN bezeichnen?
Felicitas Schoberth: Unsere Arbeit zeichnet sich durch hohe technische Ansprüche und höchste Qualitätsstandards aus – insbesondere im Umgang mit bestehenden öffentlichen Gebäuden und denkmalgeschützter Bausubstanz. Wir verbinden sorgfältige Analyse und präzise Planung mit einem tiefen Respekt für den Bestand. So entstehen nachhaltige Lösungen, die historische Architektur bewahren und gleichzeitig den heutigen Anforderungen gerecht werden.
BLACKPRINT: Der Schwerpunkt des Portfolios Ihres Büros liegt auf Universitäten. Wie kam es dazu und liegt Ihnen diese Gebäudekategorie besonders am Herzen?
Felicitas Schoberth: Die vergangene Arbeit mit Universitätsbauten hat sich aus erfolgreichen Wettbewerbsteilnahmen und frühen Projekten entwickelt, die unser Büro entscheidend geprägt haben. Hochschul- und Universitätsgebäude sind in besonderem Maße komplex: Sie erfordern eine präzise Abstimmung von funktionalen, technischen und städtebaulichen Anforderungen. Diese Herausforderung macht Universitäten für uns zu einer Bauaufgabe von besonderem Interesse. Zu unserem Portfolio gehören aber auch Rathaus- und Bürogebäude, Seminar- und Hörsaalgebäude sowie Machbarkeitsstudien zur Nutzung einer Zentralküche oder Umbau und Erweiterung von Berufsschulen.
Denkmaldokumentation: Originalskizze des Rathauses in Berlin-Marzahn.
BLACKPRINT: Beim Alten Rathaus Marzahn handelt es sich um einen denkmalgeschützten Bau, der noch aus der DDR-Zeit stammt. Was war bzw. ist die besondere Herausforderung, dieses Gebäude energetisch zu sanieren, ohne den denkmalgeschützten Charakter zu beeinträchtigen?
Felicitas Schoberth: Die besondere Schwierigkeit lag darin, ein unzureichend gedämmtes Gebäude aus der DDR-Zeit auf den heutigen energetischen Standard zu bringen, ohne die denkmalgeschützte Substanz und den charakteristischen Ausdruck des Gebäudes zu beeinträchtigen. Dies erforderte eine präzise Balance zwischen bauphysikalischen Anforderungen, sensiblen Eingriffen in die vorhandene Struktur und dem hohen Anspruch an den Denkmalschutz.
BLACKPRINT: Bei der Sanierung bzw. Modernisierung von Denkmälern sind stets mehrere, teils widersprüchliche Ziele in Einklang zu bringen, z. B. der Schutz bau- oder kunstgeschichtlich wesentlicher Bauteile oder der Schutz von Leben und Gesundheit der Bewohner und von Vermögensgegenständen durch einen zeitgemäßen Brandschutz. Welche Ziele stehen bei dieser Sanierung im Vordergrund?
Felicitas Schoberth: Das ist in der Tat eine zentrale Frage, mit der wir uns intensiv auseinandersetzen müssen. Wir verstehen unsere Arbeit als öffentliche Aufgabe, bei der die Interessen und Anforderungen verschiedener Akteure – Denkmalschutzbehörden, Nutzer, Bauherrenschaft und Fachplaner – miteinander in Einklang gebracht werden. Dabei gilt es, bau- und kunsthistorisch wesentliche Elemente zu bewahren und gleichzeitig den heutigen Standards für Sicherheit, Funktionalität und Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Dieser Prozess erfordert ein hohes Maß an Dialog, Abstimmung und Kompromissbereitschaft, um tragfähige Lösungen zu entwickeln. Am Ende gibt es jedoch für jede Herausforderung eine Lösung: mit Ausdauer, technischem Verständnis und einem klaren Blick für die tatsächlichen Bedürfnisse lässt sich ein Weg finden, der allen Aspekten eines Projekts gerecht wird. Im konkreten Fall des Projektes Altes Rathaus Marzahn konnten nach gründlicher Analyse gemeinsam mit Bauphysikern, Brandschutzplanern, Statikern, Technischer Ausrüstung, dem Denkmalschutzamt und sogar dem Urheber Vereinbarungen getroffen werden, die es ermöglichten, durch sehr subtile, sogar chirurgische und substanzschonende Maßnahmen, die erforderlichen Standards zu erreichen.
Im Rahmen der Sanierung ergänzen sich zahlreiche Maßnahmen zu einer deutlichen Verbesserung des energetischen Standards des Gebäudes.
BLACKPRINT: Welche konkreten energetischen Maßnahmen konnten/können Sie im Rahmen der Sanierung umsetzen? Und wo stießen/stoßen Sie aufgrund des Denkmalschutzes oder der vorhandenen Bausubstanz an Grenzen?
Felicitas Schoberth: Für die Sanierung sind zahlreiche Maßnahmen geplant, um den energetischen Standard des Gebäudes deutlich zu verbessern: Dazu gehören die komplette Renovierung der Gebäudetechnik sowie die energetische Sanierung der Gebäudehülle. In enger Abstimmung mit den Bauphysikern sollen innenliegende Wärmedämmungen umgesetzt und neue Fensteranlagen mit Sonderprofilen eingebaut werden, um das originale Erscheinungsbild wiederherzustellen. Das Dach wird begrünt sowie mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet. Die größte Herausforderung liegt darin, alle Maßnahmen so zu gestalten, dass sie die denkmalgeschützte Substanz schonen und das charakteristische Erscheinungsbild erhalten. Dies erfordert präzise Planung, technische Innovation und kontinuierliche Abstimmung mit allen beteiligten Fachstellen.
BLACKPRINT: Wie stark war bzw. ist die Denkmalbehörde in den Planungsprozess involviert? Engen deren Vorgaben Ihre Arbeit ein oder wirken sie eher unterstützend?
Felicitas Schoberth: In diesem speziellen Fall war die Denkmalpflege intensiv in jede Entscheidung eingebunden, jedoch stets mit einer konstruktiven und unterstützenden Haltung. In vielen Bereichen hatten wir die kreative Freiheit, verschiedene Lösungsszenarien vorzuschlagen, während in einzelnen Punkten sehr konkrete Vorgaben unseren Handlungsspielraum einschränkten. Zwar hätten wir uns als Planer in manchen Fällen mehr Gestaltungsfreiheit gewünscht, aber wir verstehen, dass die Anforderungen besonders hoch waren: Marzahn hat eine vergleichsweise junge Geschichte, und es war entscheidend, die Zeugnisse dieser Epoche verantwortungsvoll zu bewahren.
BLACKPRINT: Bei diesem Projekt wurde Ihr Büro mit 8 von 9 Leistungsphasen betraut, von der Grundlagenermittlung bis zur Objektüberwachung – Bauüberwachung und Dokumentation. Sehen Sie Vorteile darin, so vollumfänglich für ein BV verantwortlich zu sein oder wäre weniger mehr?
Felicitas Schoberth: Als Architekten schätzen wir die Möglichkeit, den gesamten Prozess eines Projekts zu begleiten – von der ersten Idee bis zur Fertigstellung. In unserem Büro übernehmen wir sehr konkrete Rollen entsprechend unseren Stärken: Ich koordiniere die Teams und den gesamten Prozess, Miguel Prados ist Leiter der Entwurfs- und Ausführungsplanung, und Ehrenfried Kebe leitet die Umsetzung, Bauüberwachung, technische Kontrolle und fachliche Koordination. Solch umfassende Verantwortung macht die Prozesse langwierig und erfordert Konsequenz, Geduld und Beharrlichkeit. Gleichzeitig ermöglicht sie uns, alle Aspekte des Projekts präzise zu steuern und am Ende die Genugtuung zu erleben, ein vollständig durchdachtes und umgesetztes Werk fertiggestellt zu sehen.
Lichtdurchflutetes Foyer im Rathaus in Berlin-Marzahn.
Visualisierung des barrierefreien Eingangs.
BLACKPRINT: Wird das Gebäude nach der Sanierung wieder als Rathaus genutzt werden oder ist eine Umnutzung vorgesehen?
Felicitas Schoberth: Das Rathaus beinhaltet nach der Sanierung wieder zentrale öffentliche Einrichtungen wie Jugendamt, Bauamt inklusive Unterer Denkmalschutzbehörde, zahlreiche Büros der öffentlichen Verwaltung sowie die Büros der Parteien zur Bezirksverordnetenversammlung und das Archiv der Stadtverwaltung.
Das Standesamt im Rathaus Berlin-Marzahn.
BLACKPRINT: Was ist aus Ihrer Sicht der Game Changer für nachhaltige Architektur?
Felicitas Schoberth: Für uns ist der wahre Game Changer für nachhaltige Architektur Bestand statt Neubau. Die wirtschaftliche Sanierung und Entwicklung des Bestands ist der Schlüssel zur CO₂-Neutralität. Wir müssen weg von schnellem Bauen hin zu einem respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit dem Bestehenden. Die Zukunft liegt in der Weiterentwicklung des bestehenden Erbes – in der Fähigkeit, Gebäude neu zu interpretieren, ihnen ein zweites Leben zu geben und gleichzeitig Ressourcen zu schonen. Das ist für uns nicht optional, sondern eine Pflicht. Natürlich handelt es sich hierbei um ein sehr komplexes Thema, das von zahlreichen Faktoren abhängt. Nachhaltigkeit in der Architektur kann nicht isoliert betrachtet werden, sondern steht in Zusammenhang mit vielen Aspekten wie der Schaffung nachhaltiger Städte, Gesundheit, Energie, Wassermanagement, Infrastruktur oder verantwortungsvollem Konsum. Technologische Innovationen wie erneuerbare Energien, intelligente Gebäudetechnik oder Konzepte für kreislauffähige Materialien sind wichtige Werkzeuge. Entscheidend ist jedoch die Haltung: Nachhaltigkeit sollte nicht nur als technische Anforderung betrachtet werden, sondern als kultureller und gesellschaftlicher Wert. So kann Architektur zu einem aktiven Gestalter der Zukunft werden und Orte schaffen, die ökologisch, funktional und zugleich inspirierend sind.
BLACKPRINT: In welchem Bereich sehen Sie aktuell die besten Zukunftsperspektiven für Architekturschaffende? Tatsächlich noch in der ursprünglichen Tätigkeit oder z. B. eher im Bereich der Architektenkommunikation (z. B. in einer Agentur oder einer Redaktion)?
Felicitas Schoberth: Ich möchte gerne daran glauben, dass unser Beruf trotz der enormen Veränderungen, die wir derzeit erleben, auch in Zukunft bestehen bleibt. Die eigentliche architektonische Tätigkeit – die Verbesserung, Anpassung und Umgestaltung der bereits bebauten Stadt – wird weiterhin unverzichtbar sein. Architektur schafft greifbare, lebenswerte Räume, und gerade in einer Zeit des Wandels wird diese Arbeit von Architekturschaffenden zunehmend gefragt sein, um Städte und Gemeinden nachhaltig, funktional und zukunftsfähig zu entwickeln.
BLACKPRINT: Welche Rolle wird Ihrer Meinung nach die KI in der nächsten oder auch in weiterer Zukunft für Architekturschaffende spielen?
Felicitas Schoberth: Ich wage es nicht, eine eindeutige Prognose zu geben. Künstliche Intelligenz lehrt uns täglich neue Fähigkeiten, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren und wird sicherlich in vielen Planungs- und Bauprozessen zunehmend eingesetzt werden. Dennoch glaube ich, dass der menschliche Faktor in allen Phasen des Bauwesens unverzichtbar bleibt – im Umgang miteinander, im kreativen Austausch und in der sensiblen Abwägung zwischen technischen, gestalterischen und gesellschaftlichen Anforderungen. KI kann unterstützen, aber die Verantwortung, die Kreativität und die Entscheidungskraft sollen beim Menschen bleiben.
BLACKPRINT: Frau Schoberth, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Kirsten Ohlendorf.
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