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© Manu Theobald

ARCHITEKTENGESPRÄCH

> Michael Ziller, Architekt und Geschäftsführer vom Büro zillerplus Architekten

// Das Münchener Büro zillerplus denkt Architektur immer vom Quartier her: mit gemeinschaftlichen Konzepten, durchdachter Materialwahl und einem besonderen Blick auf den stadträumlichen Kontext. Die Projekte entstehen häufig in Kooperation mit Baugruppen, Genossenschaften oder engagierten Einzelbauherren. Doch wie können in Zeiten von Klimakrise, Wohnraummangel und wachsender Komplexität Wohnungen entstehen, die mehr sind als private Rückzugsräume? Darüber haben wir mit Bürogründer Michael Ziller gesprochen.

Planen im Sinne der Gemeinschaft

Interview mit Michael Ziller vom Büro zillerplus Architekten

Seit über zwei Jahrzehnten plant und entwickelt das Münchner Büro zillerplus Wohnhäuser, Quartiere und Stadtbausteine, die nicht nur architektonisch überzeugen, sondern die auch gesellschaftlich wirksam sein wollen. Mit Projekten wie dem „Gelben Block“ in München oder der „Heimatmole“ in Hamburg haben die Planer Bauten geschaffen, die bestehende Typologien neu interpretieren und ökologische Verantwortung ernst nehmen. Im Gespräch erklärt Michael Ziller, wie durch Funktionsmischung echte Lebensqualität entstehen kann.

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© Florian Holzherr

Das Baugruppenhaus „Heimatmole“ integriert mitten in der Hamburger HafenCity Wohnen, Arbeiten und Freizeit unter einem Dach.

BLACKPRINT: Herr Ziller, auf Ihrer Website ist zu lesen, dass Sie es sich mit Ihrem Team zur Aufgabe gemacht haben, das Wohnen und den stadträumlichen Kontext neu zu denken. Was genau meinen Sie damit?

Michael Ziller: Wir betrachten Wohnen ganz grundsätzlich im Zusammenhang mit dem jeweiligen Umfeld. Denn nachhaltige Lebensqualität entsteht durch die Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit, Versorgung und Mobilität. Bis heute spiegelt sich diese strikte Funktionstrennung der Moderne in unseren Baugesetzen wider. Unser Ziel ist es, diese Trennung zu überwinden und individuelle Lebensentwürfe wieder stärker mit dem Quartier zu verknüpfen. Denn gerade die Vielfalt und Mischung schafft echte Lebensqualität – im Gebäude wie im städtischen Raum. Deshalb denken wir Städtebau und Wohnen immer gemeinsam und fragen zunächst: Wie entsteht Nachbarschaft? Welche Räume braucht ein Miteinander, zwischen den Häusern, auf den Dächern, in den Erdgeschosszonen?

BLACKPRINT: Bei vielen Ihrer Projekte arbeiten Sie mit Baugruppen und genossenschaftlichen Auftraggebern zusammen. Was reizt Sie daran und welche Chancen sehen Sie in dieser Zusammenarbeit?

Michael Ziller: Das hängt sicher auch damit zusammen, wie man selbst wohnen möchte. Und wenn ich das ernst nehme, dann komme ich fast zwangsläufig zu einer stärkeren Funktionsmischung und zu gemeinschaftlichen Konzepten. Diese Haltung lässt sich auch und gerade auf genossenschaftlichen oder gemeinschaftlichen Wohnungsbau übertragen. Solche Projekte haben meist eine größere inhaltliche Tiefe, weil sie von echtem Bedarf und dem Engagement der zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner getragen sind. So können Wohnformen entstehen, die langfristig funktionieren – sozial, wirtschaftlich und ökologisch.

BLACKPRINT: Mit dem kürzlich fertiggestellten Projekt „Heimatmole“ haben Sie ein urbanes Baugruppenhaus geschaffen, das mitten in der Hamburger HafenCity Wohnen, Arbeiten und Freizeit unter einem Dach integriert. Der Bau schafft innerstädtischen Wohnraum für 16 Hamburger Familien, die Eigentümer und Bauherren sind. Was war Ihre Intention bei diesem Gebäude?

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© Florian Holzherr

Die „grüne Fassade“ des Neubaus steigert die Aufenthaltsqualität, verbessert das Mikroklima und schafft außerdem Raum für nachbarschaftliche Begegnungen.

Michael Ziller: Bei der „Heimatmole“ ging es uns darum, urbane Dichte mit grüner Lebensqualität zu verbinden und Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft neu zu denken – fast wie in einem innerstädtischen Dorf. Besonders spannend war, dass die Baugemeinschaft schon mit einer klaren Vision an uns herangetreten ist: Sie wünschte sich viel gemeinsames Grün, kollektiv nutzbare Räume zur Begegnung, ein belebtes Dach sowie flexible Flächen, die sich je nach Lebenssituation anpassen lassen. Ausgehend von diesen Ansprüchen haben wir ein Konzept entwickelt, das als zentralen Baustein begrünte Balkone zum Hof hin vorsieht. Diese „grüne Fassade“ dient als erweitertes „grünes Zimmer“: Sie steigert die Aufenthaltsqualität, verbessert das Mikroklima und schafft zugleich Räume für nachbarschaftliche Begegnungen. Eine Besonderheit ist außerdem, dass die Balkone die Wohnungen mit dem Treppenhaus, aber auch untereinander verbinden und damit ein lebendiges Miteinander fördern.

© Florian Holzherr
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Die begrünten Balkone sind mit dem Treppenhaus, aber auch untereinander verbunden.

BLACKPRINT: Direkt angebunden an die Balkone und ans Treppenhaus haben Sie außerdem spezielle „Schalträume“ geschaffen...

Michael Ziller: Ja, das sind flexibel zubuchbare Einheiten, die wahlweise auch als Gästezimmer oder Arbeitsräume genutzt werden können. Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ist ein Haus entstanden, das städtische Qualitäten mit nachbarschaftlicher Nähe verbindet und Platz für individuelle Lebensentwürfe schafft. Besonders bemerkenswert finde ich, wie gut diese Idee in der Praxis funktioniert: Die Bewohnerinnen und Bewohner unterstützen sich gegenseitig und sind sehr glücklich über die Möglichkeiten, die das Haus ihnen bietet.

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© zillerplus Architekten

Konzeptskizze Schalträume

BLACKPRINT: Die Heimatmole ist ein KfW-55-Effizienzhaus, es nutzt Wärmetauscher und produziert Energie über die hauseigene Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die Dachfläche spielt aber auch eine wichtige Rolle für die Gemeinschaft...

Michael Ziller: Ja, das war uns sehr wichtig. Üblicherweise sind auch begrünte Flachdächer vor allem von Haustechnik belegt. Wir haben die gesamte Haustechnik stattdessen kompakt im Treppenhaus zusammengeführt, um möglichst viel nutzbare Freifläche zu gewinnen. So ist Platz entstanden für eine Terrasse mit Außenküche, fürs Gärtnern, zum Feiern oder einfach zum Verweilen – mit einem traumhaften Blick über die Elbe und den Hafen bis zurück in die Stadt. Das Dach wird intensiv genutzt, selbst an kühleren Tagen. Das ist schon eine ganz besondere Gemeinschaft, die da entstanden ist. Und das ist kein Zufall! Denn bei einer solchen Baugruppe lernen sich die Nachbarn nicht erst nach dem Einzug kennen, sondern wachsen schon im Planungsprozess zusammen. Das kostet Energie und der Prozess dahin ist nicht immer ganz einfach, aber er lohnt sich – für die Gemeinschaft genauso wie für uns Architekten. Am Ende ist das Ergebnis so viel besser, dass wir die Herausforderungen immer wieder gerne annehmen.

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Die gemeinschaftlich nutzbare Dachterrasse bietet einen traumhaften Blick über die Elbe, den Hamburger Hafen und die Stadt

BLACKPRINT: Wie schwer war es denn in diesem Fall, eine gemeinschaftliche Lösung zu entwickeln, hinter der sich alle Beteiligten versammeln können?

Michael Ziller: Solche gemeinschaftlichen Lösungen funktionieren nur, wenn die Moderation nicht gleichzeitig bei uns als Architekten liegt. In diesem Fall hat die KiezKompanie Hamburg diese Rolle übernommen – und das sehr gut gemacht. So konnten wir das Projekt von München aus planen und mussten nur zu bestimmten Terminen nach Hamburg kommen. Architektur zu entwerfen und parallel die Moderation zu übernehmen, das ist eine Herausforderung zu viel. Außerdem ist es für alle Beteiligten hilfreich, wenn jemand von außen neutral auf die unterschiedlichen Positionen schaut und diese ausgleicht. So bleiben wir als Planer flexibler und am Ende profitiert auch das Projekt davon!

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Auch das Projekt Heimatmole lässt sich als Bauen im Bestand begreifen.

BLACKPRINT: Parallel dazu spielt auch das Thema Bauen im Bestand eine wichtige Rolle bei Ihnen. Wie gehen Sie solche Projekte an und welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit dabei?

Michael Ziller: Für uns ist es bei einem neuen Projekt immer ganz entscheidend, zunächst den Kontext zu verstehen, in dem wir bauen und dabei auch die Menschen mit einzubeziehen, die den betreffenden Ort nutzen und beleben. Insofern lässt sich selbst die „Heimatmole“ als „Bauen im Bestand“ begreifen. Ausgehend von einem solchen Verständnis für den jeweiligen Ort können wir dann mit der eigentlichen Arbeit des Entwerfens beginnen und die richtigen Weichen für die angestrebte Nutzung stellen. Der Aspekt „Nachhaltigkeit“ ergibt sich dann ganz selbstverständlich als Ergebnis eines solchen Prozesses.

BLACKPRINT: Ein gutes Beispiel für diese Herangehensweise ist Ihr zuletzt fertiggestelltes Projekt „Gelber Block“, mit dem Sie einen genossenschaftlichen Wohnblock im Münchener Westend aufgestockt und modernisiert haben. Der im Vergleich zur umliegenden Bebauung lediglich vier- bis fünfgeschossig ausgebildete Komplex stammt ursprünglich aus dem Jahr 1927. Durch die doppelgeschossige Aufstockung in vorgefertigter Holzelementbauweise wurden zusätzlich zu den bestehenden 169 Wohneinheiten 45 neue Einheiten geschaffen...

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Beim genossenschaftlich geplanten „Gelben Block“ haben die Planer einen vier- bis fünfgeschossig ausgebildeten Bestandsbau aus dem Jahr 1927 durch eine doppelgeschossige Aufstockung in vorgefertigter Holzelementbauweise erweitert.

Michael Ziller: Das Entscheidende war hier, dass wir direkt vor Ort gemeinsam mit der Genossenschaft und in enger Abstimmung mit den Mietern planen konnten. So haben wir aus erster Hand erfahren, was wirklich fehlt und gebraucht wird. Gleichzeitig konnten wir auch ganz konkret vermitteln, welchen Mehrwert die Bewohner haben, wenn sie die Baumaßnahmen im Zuge der Modernisierung und Erweiterung mittragen: etwa neue Aufzüge oder Balkone. Im Austausch hat sich außerdem gezeigt, dass es ganz in der Nähe einen Wohnungsbau der Genossenschaft aus den 2000er-Jahren gibt, in dem viele Familien inzwischen in einer neuen Lebensphase sind, weil die Kinder aus dem Haus sind. Für diese Zielgruppe haben wir in unserem Projekt kleinere Wohnungen neu geschaffen, sodass die großen Einheiten wieder für junge Familien frei werden. So entsteht Nachhaltigkeit nicht nur baulich, sondern auch sozial. Ein weiteres wichtiges Element war das Erdgeschoss am Georg-Freundorfer-Platz: Ursprünglich war dort in den 1920er-Jahren eine Ladeneinheit vorgesehen, die später zu Wohnungen umgebaut wurde. Drei dieser Wohnungen haben wir jetzt zu einem Nachbarschaftstreff und zu zwei Sozialbüros umgebaut. Der Nachbarschaftstreff wird vom gemeinnützigen Verein „Generationengerechtes Wohnen mit der Wohnungsgenossenschaft München-West“ e.V. verwaltet und das Sozialbüro unterstützt die Mitglieder der Wohnungsgenossenschaft bei vielfältigen Themen und Problemen. Und auch der bestehende Blumenladen ist als identitätsstiftendes Element erhalten geblieben, um die Erdgeschosszone als lebendigen Treffpunkt zu stärken.

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In den Wohnungen findet sich der Werkstoff Holz an Decken, Böden und Fensterrahmen und sorgt hier für ein gutes Wohnklima sowie eine hohe Aufenthaltsqualität.

BLACKPRINT: Eine wichtige Rolle für das Projekt spielt der Werkstoff Holz. Wählen Sie die verwendeten Baumaterialien selbst aus?

Michael Ziller: Die Auswahl der Materialien ist neben der gestalterischen und inhaltlichen Kreativität ein entscheidender Teil des Prozesses. Sie erfolgt immer gemeinsam mit den Bauherren und prägt maßgeblich den Erfolg eines Projekts. Entsprechend ist die Materialwahl also kein nachgelagerter Schritt, sondern von Anfang an integraler Bestandteil des Entwurfs. Um unsere Ideen umzusetzen, bevorzugen wir möglichst wenig verarbeitete, langlebige Materialien, die rückbaubar oder wiederverwendbar sind. Entsprechend arbeiten wir gerne mit Holz – je nach Projektanforderung entweder in Reinform oder als Hybridkonstruktion. Ein wichtiger Faktor ist in diesem Zusammenhang auch das elementierte Bauen. Das Thema Vorfertigung bringt hier ganz neue Qualitäten, um Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz neu zu denken und den Bauprozess zu verbessern und zu beschleunigen. Wichtig ist dabei aber, kleine Manufakturen einzubinden und diese dazu zu befähigen, sich weiterzuentwickeln. Die aktuelle Fokussierung auf die Industrialisierung des Bauens sehe ich dagegen eher kritisch, weil dort die Gefahr von Abhängigkeiten besteht. Und ebenso wächst damit auch die Normierung, so dass sich das Bauen am Ende nur noch weiter verteuert, ohne dass neue Qualitäten entstehen.

BLACKPRINT: Eine ganz andere Herangehensweise zeigt Ihr genossenschaftliches Projekt „Grünwald“ im gleichnamigen Münchener Vorort, mit dem Sie eine Bestandssiedlung der Genossenschaft aus den 1950er-Jahren ersetzt haben. Die Bebauung umfasst vierzehn Häuser, die sich dorfartig um drei kleine Plätze gruppieren und die jeweils 10 bis 14 Wohneinheiten zur Verfügung stellen...

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Das Projekt „Grünwald“ umfasst vierzehn Häuser, die sich dorfartig um drei kleine Plätze gruppieren und die jeweils 10 bis 14 Wohneinheiten zur Verfügung stellen.

Michael Ziller: Bei diesem Projekt ging es ganz zentral um die Verortung in einem Umfeld, das ansonsten eher für teure Villen und prominente Bewohner bekannt ist als für eine gemeinnützige Genossenschaft. Eine wichtige Rolle spielt aber auch hier der Freiraum, der vielfach für gemeinschaftliche Nutzungen der Genossenschaft zur Verfügung steht: eine große Blühwiese, die nur einmal im Jahr gemäht wird. Das verleiht dem Ensemble eine fast dörfliche Anmutung, die man so in einem Quartier mit eher blockartiger Bebauung nicht erwarten würde. Spannend ist, dass die Gemeinde Grünwald dieses Konzept inzwischen in ihren öffentlichen Freiflächen umsetzt.

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Eine wichtige Rolle bei dem Projekt spielt die große Blühwiese, die nur einmal im Jahr gemäht wird und der kleinen Siedlung eine fast dörfliche Anmutung verleiht.

BLACKPRINT: Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Fragen werden die Architektur in den kommenden Jahren prägen? Und wie kann sich die Architektur nachhaltiger aufstellen?

Michael Ziller: Gerade in Zeiten des Umbruchs zeigt sich, wie entscheidend eine ganzheitliche, prozesshafte Denkweise ist, die soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen gleichermaßen mit einbezieht. Statt wie in den 1970er-Jahren auf schnelle Stadterweiterungen zu setzen, sollten wir aus diesen Erfahrungen lernen und heute bewusst langfristig und zugleich flexibel planen. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass Architektur immer eine gewisse Trägheit in sich birgt: Was wir heute bauen, soll idealerweise noch in hundert Jahren Bestand haben, um dann vielleicht erneut angepasst zu werden. Diese Balance zwischen Beständigkeit und Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Veränderungen wird aus meiner Sicht die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre sein. Das erfordert sehr lange und vorausschauende politische Entscheidungsprozesse. Häufig spüren wir allerdings, dass das Verlassen ausgetretener Pfade zunächst verunsichert oder sogar Angst auslöst. Umso wichtiger ist es, das Thema Change Management mitzudenken: Wir müssen sichtbar machen, welche Verbesserungen durch Veränderung möglich sind. Genau daraus möchten wir eine positive Erzählung entwickeln – eine Erzählung, die Mut macht und Lust auf Neues weckt!

BLACKPRINT: Herr Ziller, wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Robert Uhde.

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