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ARCHITEKTENGESPRÄCH

> Thorsten Rebbereh, Architekt und Unternehmer

// Schneller bauen, flexibler wohnen und weniger CO₂ verbrauchen. Und das mit einem Baustoff, der bisher vor allem im Gewerbebau zum Einsatz kam: Stahl! Der Hildesheimer Architekt Thorsten Rebbereh hat mit dem „Green Steel Home“ ein ungewöhnliches Wohnhaus entwickelt, das völlig neue Perspektiven für nachhaltiges Bauen ermöglicht.

Nachhaltig wohnen im Stahlhaus

Im Gespräch mit Thorsten Rebbereh, Architekt des „Green Steel Home“

Was passiert, wenn man die Prinzipien des Industrie- und Hallenbaus auf das Einfamilienhaus überträgt? Der Hildesheimer Architekt und Unternehmer Thorsten Rebbereh hat genau das getan und ein neuartiges Wohnhaus entwickelt, das sich kostengünstig in nur zweieinhalb Monaten Bauzeit umsetzen lässt und dabei fast keinen Abfall hinterlässt. Im Interview spricht Rebbereh über die Idee hinter dem „Green Steel Home“ und über seine Erfahrungen mit dem Baustoff Stahl im Wohnbau.

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Das Green Steel Home ermöglicht völlig neue Perspektiven für nachhaltiges Bauen.

BLACKPRINT: Herr Rebbereh, Ihr Green Steel Home sieht auf den ersten Blick gar nicht nach einem typischen Stahlbau aus. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Thorsten Rebbereh: Ich habe neben der Architektur auch andere Geschäftsfelder, unter anderem eine Firma für Lebensmittel, die stark gewachsen ist. Dafür musste ich eine neue Logistikhalle bauen – in Stahlskelettbauweise, denn das ist die schnellste und preiswerteste Methode, um Volumen zu schaffen. Währenddessen hatte ich ein Telefonat mit meiner Tochter aus Hamburg, die mir von den viel zu hohen Baukosten in der Stadt berichtete und dass sie sich selbst als Doppelverdiener kein Eigentum dort leisten könnten. Das brachte mich zum Nachdenken. Früher konnte man mit einem normalen Einkommen ein Haus bauen, heute nicht mehr, trotz historisch niedriger Zinsen. Der Grund liegt aus meiner Sicht in den Prozessen: Wir bauen Einfamilienhäuser heute noch wie vor 100 Jahren, Stein auf Stein, mit vielen Gewerken nacheinander. In der Industrie gibt es Fließbandarbeit, Just-in-Time und Prozessoptimierung, im Bauwesen gibt es so etwas bislang kaum. Und da hatte ich dann die Idee, die Prinzipien des Industriebaus einfach auf den Wohnungsbau zu übertragen.

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Herzlich Willkommen im Green Steel Home!

BLACKPRINT: Was sind die Vorteile im Vergleich zu konventionell errichteten Einfamilienhäusern?

Thorsten Rebbereh: Die größten Vorteile liegen in der Geschwindigkeit und der Präzision. Die Bauteile kommen just in time auf die Baustelle, alles ist vorgefertigt wie ein IKEA Baukastensystem. Das Stahlskelett steht in zwei Tagen, die gesamte Gebäudehülle in rund 14 Tagen, und das praktisch ohne Abfall. Beim Innenausbau reden wir über ein paar Wochen, sodass das Haus nach etwa drei Monaten komplett bezugsfertig ist. Im klassischen Rohbau dauert derselbe Prozess oft ein Jahr.

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Das Stahlskelett des Green Steel Home lässt sich in zwei Tagen errichten, nach etwa drei Monaten ist das Haus komplett bezugsfertig.

BLACKPRINT: Was hat Sie überzeugt, Ihre Idee dann auch tatsächlich weiterzuverfolgen?

Thorsten Rebbereh: Nachdem ich durch die Geschichte mit meiner Tochter überhaupt angefangen hatte, über Baukosten nachzudenken, wollte ich die Idee auch wirklich umsetzen. Da kommt dann mein Unternehmergeist ins Spiel! Hinzu kam, dass die Salzgitter AG quasi vor meiner Haustür sitzt. Über mein Netzwerk konnte ich dort Kontakte knüpfen, ursprünglich nur mit dem Ziel, den Stahl günstiger einzukaufen. Und dann hat sich das Ganze ganz von allein weiterentwickelt: Die Salzgitter AG ist unter dem Branding SALCOS® aktuell intensiv mit dem Thema „grüner Stahl“ befasst. Und so bin ich fast automatisch in die Nachhaltigkeitsschiene hineingerutscht.

BLACKPRINT: Stahl und Nachhaltigkeit? Das müssen Sie erklären ...

Thorsten Rebbereh: Eigentlich wollte ich „nur“ ein preiswertes Haus bauen. Erst danach und durch die Zusammenarbeit mit der Salzgitter AG habe ich erkannt, dass Stahl quasi der einzige Baustoff im Bauwesen ist, den wir tatsächlich ohne Qualitätseinbußen recyceln können. Aus einem Holzelement wird irgendwann eine Spanplatte, vielleicht noch ein IKEA Schrank, aber danach ist Schluss. Ein Stahlträger bleibt dagegen ein Stahlträger. Selbst wenn ich ihn einschmelze, entsteht daraus wieder Stahl in derselben Qualität. Von daher finde ich, dass Stahl einen viel zu schlechten Ruf hat. Das Material wird immer mit einem sehr hohen CO₂-Fußabdruck verbunden. Aber wenn man alles auf den Quadratmeter Baufläche herunterbricht und dann noch möglichst grünen Stahl einsetzt, dann ist der CO₂-Fußabdruck von Stahl letztlich unschlagbar – selbst gegenüber konventioneller Bauweise und sogar gegenüber Holzrahmenbau. Und genau hier, im Verständnis von Gebäuden als Materialbanken, liegt doch der eigentliche Game Changer für nachhaltiges Bauen. In der Vergangenheit haben wir meist konventionell gebaut. Und viele Materialien lassen sich dabei letztlich nur downcyceln. Aus Mauerwerk wird dann vielleicht ein Unterbau für einen Radweg, aber das ist für mich kein echtes Recycling. Wirklich nachhaltig ist es, wenn wir Baustoffe sortenrein einsetzen und sie nach einem Rückbau wieder direkt verwenden können.

BLACKPRINT: Sie haben das Green Steel Home mit grünem Stahl umgesetzt?

Thorsten Rebbereh: Ja, die Produktion läuft dabei zu 100 Prozent aus Ökostrom, der hier über die so genannte „Elektrolichtbogenofen-Route“ produziert wird, dafür habe ich nach Überwindung einiger bürokratischer Hindernisse sogar ein Zertifikat bekommen. Das Thema steckt allerdings noch in den Kinderschuhen: Wenn man heute ein Haus nach QNG zertifizieren lässt, dann kann man dort noch keinen grünen Stahl in die Bilanz eintragen, der grüne Stahl wird nach wie vor wie grauer Stahl gerechnet. Weil die Mengen an CO₂ so gering sind, erreicht man aber trotzdem die Zertifizierung. Eine Tonne Stahl hat zwar einen Fußabdruck von rund 1,8 Tonnen CO₂, das klingt erst einmal hoch. Aber im Bau brauche ich ja nur sehr wenig Stahl, in meinem Fall lediglich 10,4 Tonnen für rund 150 Quadratmeter Wohnfläche. Verglichen mit Mauerwerk, Stahlbetondecken oder auch Holz brauche ich insgesamt deutlich weniger Material.

BLACKPRINT: Zurück zur Konstruktion: Sie setzen bei Ihrem Green Steel Home auf eine geschraubte Konstruktion ohne tragende Innenwände. Welche Möglichkeiten eröffnet das für spätere Umbauten?

Thorsten Rebbereh: Die freitragende Stahlkonstruktion ermöglicht eine maximale Flexibilität im Grundriss. Die Wände können praktisch beliebig gesetzt werden, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, wenn sich die Lebenssituation ändert. Besonders spannend finde ich die Galerie über Ess- und Wohnbereich: Hier könnte ich eine Decke einziehen und so zwei zusätzliche Räume schaffen, ohne dass die Belichtung leidet. Eine Flexibilität dieser Art findet man in herkömmlichen Massivbauten nicht.

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Die freitragende Stahlkonstruktion ermöglicht maximale Flexibilität bei der Gestaltung der Grundrisse.

BLACKPRINT: Zur Abdichtung des Flachdachs haben Sie sich für die HERTALAN® EASY COVER EPDM-Plane von CARLISLE® CM Europe entschieden. Wie kam es dazu und welche Vorteile bieten die Planen?

Thorsten Rebbereh: Das war eigentlich ein glücklicher Zufall: Über die Zusammenarbeit mit der Salzgitter AG und deren grünen Stahl kam ein Beratungsingenieur des Unternehmens auf mich zu und erzählte von einem vollständig recyclingfähigen EPDM-Abdichtungssystem von CARLISLE®, das in einem Stück auf die Baustelle geliefert wird. Ursprünglich hatte ich eine konventionelle Dachabdichtung geplant, die Umsetzung dann aber storniert. Das HERTALAN® EASY COVER System von CARLISLE® konnte innerhalb einer Woche geplant, hergestellt und geliefert werden. Besonders bei kleinen Projekten wie meinem Musterhaus ist das ein riesiger Vorteil: Die Plane kommt wie ein ganzer „Teppich“ aufs Dach, wird nur ausgelegt. Größen bis zu 1.000 Quadratmeter in einem Stück sind möglich, dabei gibt es keine manuell auszuführenden Nähte und keine komplizierten und obendrein gefährlichen Schweißarbeiten. Das ermöglicht eine ganz andere Qualität, als wenn z. B. ein Dachdecker Bitumenbahnen mit offener Flamme verschweißt, wobei die Nähte oftmals nicht richtig dicht sind und Wasser in die Abdichtungsschicht eindringen kann. Hinzu kommt die vom unabhängigen Prüfinstitut Süddeutsches Kunststoff-Zentrum (SKZ) bescheinigte Lebensdauer von über 70 Jahren für HERTALAN® EPDM: Das nimmt der Bauherrschaft die Sorge, dass Flachdächer lediglich eine kurze Gebrauchsdauer haben.

BLACKPRINT: Bei der Umsetzung Ihres Green Steel Home haben Sie den Ansatz des Biophilic Designs integriert. Was hat es damit auf sich?

Thorsten Rebbereh: Der Ansatz stammt aus den 1990er-Jahren und geht zurück auf den Biologen E. O. Wilson, der dazu zwei zentrale Thesen formuliert hat: Erstens, dass der Mensch genetisch eine Verbundenheit zur Natur hat, und zweitens, dass Natur und Technik nicht im Konflikt stehen müssen, sondern miteinander arbeiten können. Außerdem hat Wilson betont, dass Innenräume immer einen Bezug zur Außenwelt brauchen und natürliche Materialien, Muster und Haptik integriert werden sollten. Für das Green Steel Home habe ich daraus unter anderem die Galerieebene mit 80 Pflanzen abgeleitet. Die Pflanzen wandeln CO₂ in Sauerstoff um, während die Bewohner atmen, so entsteht ein natürlicher Kreislauf. An besonders trüben Tagen unterstützen Smart Home UV-Lampen, die per App oder Sprachbefehl gesteuert werden, das Pflanzenwachstum und ein automatisches Bewässerungssystem übernimmt die Versorgung.

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Die dicht bepflanzte Galerieebene sorgt für ein angenehm natürliches Binnenraumklima.

BLACKPRINT: Wie wird das Green Steel Home beheizt?

Thorsten Rebbereh: Das Green Steel Home besitzt eine dezentrale, kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Ergänzend sorgt eine Infrarotcarbon-Flächenheizung für behagliche Wärme, nicht über Konvektion, sondern über Strahlung. Die Anlage nutzt den von der Sonne erzeugten Strom der Photovoltaikanlage, um eine angenehme Wärme zu erzeugen, die den natürlichen Strahlungseffekt der Sonne imitiert. So hole ich die Sonne ins Haus und kann damit die Wohnqualität erheblich steigern!

BLACKPRINT: Und wie ist die Aufenthaltsqualität? Wird es zum Beispiel im Sommer sehr warm, so dass eine Klimaanlage unumgänglich ist?

Thorsten Rebbereh: Das ist eine berechtigte Frage, weil viele beim Stichwort „Stahlbau“ an Überhitzung denken. Tatsächlich haben wir aber sehr genau auf den sommerlichen Wärmeschutz geachtet. Das Haus ist hochgedämmt. Wir wollten es ohne Wärmepumpe realisieren, und das ist uns gelungen. Stattdessen haben wir die Infrarotcarbon-Flächenheizung installiert. Die läuft sehr effizient: Sie reagiert extrem schnell, benötigt nur wenige Minuten pro Stunde, um die Solltemperatur von 20 °C zu halten, und hält das Raumklima konstant angenehm. Hinzu kommt: Das Haus ist thermisch hochgedämmt, sodass es auch im Sommer nicht übermäßig aufheizt. Eine klassische Klimaanlage ist daher nicht notwendig. Die Kombination aus gedämmter Gebäudehülle, Flächenheizung und Photovoltaikanlage sorgt für eine komfortable Wohnqualität bei sehr geringem Energieverbrauch. Ein besonderer Clou ist die Nutzung der Stahlträger als Wärmespeicher: Überschüssiger Strom aus der Photovoltaik kann direkt in die Träger eingespeist werden, die die Wärme speichern und zeitversetzt wieder abgeben. Dadurch kombiniert das Haus schnelle Reaktionsfähigkeit (Flächenheizung) mit Speicherfähigkeit (Stahlträger) – ähnlich wie ein alter Kachelofen, nur effizient und modern. Die Photovoltaik-Anlage deckt dabei möglichst viel Eigenbedarf ab. Zusätzlich lässt sich das System flexibel steuern, zum Beispiel über Börsenstrompreise. Und selbst Elektroautos können in Zukunft intelligent eingebunden werden, um überschüssige Energie zu nutzen.

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Das Green Steel Home bietet eine hochmoderne Gebäudetechnik.

BLACKPRINT: Ein sehr innovativer Ansatz! Inwieweit sehen Sie im Green Steel Home ein Modell für die breite Anwendung, etwa im Reihenhausbau oder bei seriellen Wohnlösungen?

Thorsten Rebbereh: Für Reihenhäuser oder serielle Wohnlösungen müsste das Konzept angepasst werden. Mein Haus ist so geplant, dass auf einer Seite nur Nebenräume sind, auf Fenster könnte man also verzichten. Dann ließe es sich spiegeln, um so Doppelhäuser zu bauen.

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Luftiges Badezimmer mit Oberlicht im Green Steel Home.

BLACKPRINT: Und wäre es andererseits denkbar, nicht mehr benötigte Lagerhallen in Stahlbauweise zu Wohnbauten umzunutzen?

Thorsten Rebbereh: In einem ganz speziellen Einzelfall mag das denkbar sein, grundsätzlich würde ich aber eher davon abraten. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der erste Punkt ist das Baurecht: Gewerbehallen stehen in der Regel in Gewerbegebieten, und dort Wohnen zu ermöglichen, ist planungsrechtlich kaum durchsetzbar. Hinzu kommen bauliche Schwierigkeiten: Hallen haben meist große Gebäudetiefen und -längen, die für Wohnnutzung ungeeignet sind. Im Geschosswohnungsbau ist ab etwa 20 Metern Tiefe Schluss, weil sonst keine vernünftige Belichtung der Wohnungen mehr möglich ist. In einer typischen Halle wird das schnell problematisch. Außerdem reden wir dann über mehrere Wohneinheiten, was beim Stahlbau sofort Fragen nach Brandschutz, Schallschutz und Wärmebrücken aufwirft. Um die Wohnungsnot zu lindern, sind alte Gewerbehallen aus Stahlbauweise also keine wirkliche Lösung.

BLACKPRINT: Woran liegt es, dass Stahlbau sich bislang im Wohnungsbau überhaupt nicht durchgesetzt hat?

Thorsten Rebbereh: Das fängt schon an den Hochschulen an, Stahlbau für Wohngebäude ist da praktisch ein Tabu. Hinzu kommen die Themen Brandschutz, Schallschutz und Wärmebrücken als objektive Gründe. Bei meinem Green Steel Home funktioniert das, weil das Haus sehr kompakt ist und eine gut gedämmte Hülle besitzt. Und weil Einfamilienhäuser zur Gebäudeklasse 1 zählen, müssen außerdem keine großen Brandschutzauflagen berücksichtigt werden. Deshalb kann ich die Stahlträger auch sichtbar lassen, ohne sie aufwendig zu verkleiden. Das macht die Sache einfacher, günstiger und im Industrial Style auch optisch attraktiv. Im Ergebnis steht das Haus in drei Tagen im Rohbau und die Kosten liegen mit rund 2.150 Euro pro Quadratmeter deutlich unter den sonst üblichen Marktpreisen von 3.000 bis 3.800 Euro. Auf diese Weise wird Wohneigentum auch für den Normalverdiener wieder erreichbar!

BLACKPRINT: Herr Rebbereh, wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Robert Uhde.

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