BLACKPRINT: Interessant ist, dass das Material trotz seiner Neuheit fast so etwas wie einen Second-Hand-Look hat. Es wirkt sehr natürlich und irgendwie zirkulär.
Margot Holländer: Ja, das finde ich auch. Kork hat eine sehr eigene Ästhetik, warm, leicht rau, fast ein bisschen „gebraucht“, obwohl er neu ist. In Kombination mit den Holzfenstern und den Luken ergibt das eine sehr stimmige, natürliche Wirkung.
BLACKPRINT: Aktuell arbeiten Sie an der Renovierung des Gerichtsgebäudes „De Appelaer“ in Haarlem. Welche Anforderungen stellen sich dort?
Margot Holländer: Im Kern geht es dort um die Neuorganisation des Eingangsbereichs. Das Gebäude stammt aus einer Zeit, als es noch keine Sicherheitskontrollen mit Gepäck-Scans gab. Heute führt das dazu, dass sich die Besucher stauen und teilweise draußen warten müssen. Deshalb wollen wir den Eingangsbereich so umgestalten, dass die Abläufe flüssiger werden und sowohl Besucher als auch Mitarbeitende angenehmere Bedingungen vorfinden. Bei all dem wollen wir möglichst keinen Abfall produzieren. Alles, was neu hinzugefügt wird, soll wiederverwendbar oder vollständig recycelbar sein. So lassen wir zum Beispiel Glas aus dem Bestand zu einem steinähnlichen Plattenmaterial recyceln, das wir für die Oberfläche des Empfangstresens einsetzen. Dazu werden bestehende Holzverkleidungen demontiert und in einer Werkstatt zu neuen, akustisch wirksamen Elementen für den zentralen Tresen weiterverarbeitet.
BLACKPRINT: Das heißt, selbst beim Wanddurchbruch wird das Material weitergedacht?
Margot Holländer: Ja, statt einfach eine große Öffnung zu schneiden und das Material zu entsorgen, planen wir mehrere präzise Schnitte. Die entnommenen Elemente werden zu Sitzbänken im Wartebereich umgearbeitet. Auch bei den neuen Trennwänden im Sicherheitsbereich gehen wir einen anderen Weg: Üblicherweise werden dort Metallständerwände mit Stahlplatte und Gipskarton eingesetzt. Wir verwenden stattdessen reine Holzkonstruktionen ohne Stahleinlage. Technisch ist das machbar, aber die Zertifizierung ist aufwendiger und erfordert sowohl gründliche Recherche als auch einen mutigen Bauherrn, der bereit ist, neue Wege zu gehen.
BLACKPRINT: Wie ist der Kontakt zu dem Projekt zustande gekommen?
Margot Holländer: Wir wurden gemeinsam mit zwei weiteren Büros zu einem Wettbewerb eingeladen. Der niederländische Staat und der Rijksvastgoedbedrijf (RVB), die Immobilienorganisation der niederländischen Zentralregierung, organisieren solche Verfahren ganz bewusst, damit auch kleinere, jüngere Büros öffentliche Projekte realisieren können. Der Baubeginn ist für den Sommer vorgesehen. Die Fertigstellung ist für 2027 geplant.
BLACKPRINT: Wenn man Ihre Projekte und diesen Wettbewerbsgewinn betrachtet – die intensive Materialrecherche, die Auseinandersetzung mit CO₂-Werten, das Arbeiten im Bestand: Was bedeutet das für das Selbstverständnis des Berufs? Wie hat sich das Berufsbild von Architektinnen und Architekten in den vergangenen Jahren verändert?
Margot Holländer: Eine ganz wichtige Veränderung ist, dass es heute eine enorme Vielfalt an Bauprodukten gibt. Gleichzeitig eröffnet das Thema Nachhaltigkeit neue Chancen. Durch Wiederverwendung und maßgeschneiderte Lösungen beschäftigen wir uns wieder intensiver mit Materialien. Ebenso müssen wir uns viel stärker mit den Auswirkungen unseres Bauens auseinandersetzen, insbesondere mit dem CO₂-Ausstoß. In den Niederlanden ist es verpflichtend, den CO₂-Fußabdruck bei einem Bauantrag zu berechnen, oft geschieht das jedoch erst im Nachhinein. Ich finde, wir sollten uns bereits in der Entwurfsphase damit befassen – so selbstverständlich, wie wir über Lichteinfall nachdenken. Mit einfachen Methoden, die frühzeitig fundierte Entscheidungen ermöglichen, statt alles erst später von Ingenieuren berechnen zu lassen.
BLACKPRINT: Frau Holländer, wir bedanken uns für das Gespräch!