Gespräch mit Projektarchitektin Fokke Moerel

Die MVRDV-Partnerin Fokke Moerel (geb. 1970 in Breda) gehörte 1998 zu den ersten Architekten des Büros. In den vergangenen Jahren hat sie unter anderem den Baltyk-Büroturm in Posen (PL) oder das Lloyd Hotel & Cultural Embassy in Amsterdam fertiggestellt. Aktuell leitet sie das Innendesign-Team von MVRDV und überwacht den Bau des Rotterdamer Depotgebäudes für das Museum Boijmans Van Beuningen.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

„Dieser spielerische Umgang mit Natur hat uns von Anfang an beschäftigt.“

Fokke Moerel, MVRDV-Partnerin

Archive sind meist unterirdisch oder anderweitig versteckt untergebracht. Das neue Kunstdepot des Museums Boijmans Van Beuningen hingegen wird
öffentlich zugänglich für die Besucher sein. Welche Idee steckt hinter diesem Konzept?

testemonial-ccm

Das neue Depot sollte auf Wunsch des Auftraggebers zu einem sichtbaren Teil der Stadt werden und entsprechend auch für das Publikum zugänglich sein. Allerdings sollte dieser öffentliche Bereich ursprünglich nur etwa fünf Prozent der Fläche ausmachen. Nachdem wir den Wettbewerb gewonnen hatten, wurde dieses Verhältnis durch den Auftraggeber sukzessive umgekehrt, so dass letztlich rund 95 Prozent der Fläche öffentlich begehbar sein werden. Dahinter steckt die Idee, das Museum noch stärker in der Stadt zu verankern und neue Besuchergruppen zu erschließen. Rückblickend betrachtet hat sich dieses Konzept auch in logistischer Hinsicht als glückliche Entscheidung erwiesen. Denn nach einem Wettbewerb 2018 wird das Museum aktuell aufwendig saniert und ist entsprechend bis 2025 geschlossen. Das Depot wird somit ein paar Jahre lang die Funktion des Hauptgebäudes übernehmen.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Wie ist die besondere Form des Gebäudes entstanden? Wie bezieht sich der Entwurf auf das bestehende Museumsensemble und den Museumspark von OMA?

testemonial-ccm

So verrückt es auch klingen mag: Die Form des Gebäudes ist letztlich das direkte Resultat unserer Auseinandersetzung mit dem Standort. Denn durch den umgebenden Museumspark und die vorhandenen Gebäude vor Ort sollte das Depot von allen Seiten erlebbar sein und keine Rückseite haben. Ebenso wollten wir möglichst wenig Fläche überbauen. Das logische Ergebnis ist eine runde Grundrissform, die nach oben konisch zuläuft. Im Niederländischen ergibt sich dabei ein schönes Wortspiel: Das Wort „Depot“ kann hier auch gelesen werden als „De pot“ („Der Topf“). Der Name für das Gebäude hat sich bei den Rotterdamern also quasi von selbst ergeben.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin
BOYMANS_MUSEUM

Und welche Rolle spielt die Spiegelfassade dabei?

testemonial-ccm

Durch die Gestaltung der Fassade wollen wir den Bezug zum Umfeld noch verstärken. Das Ergebnis ist eine architektonische Hommage an den Standort Rotterdam, wobei die leichte Krümmung der Spiegelfassade dafür sorgt, dass die Menschen eine verfremdete Perspektive auf ihre Stadt erhalten.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Die offene Konstruktion der Fassade erfordert einen wasser- und luftdichten Aufbau. Wie weit waren Sie daran beteiligt, hier eine optimierte Lösung zu entwickeln?

testemonial-ccm

Das Thema Feuchtigkeitsschutz hat für das Museum aufgrund verschiedener Schadensfälle in den vergangenen Jahren von Anfang an eine große Rolle gespielt. Die konkrete Ausarbeitung der Konstruktion erfolgte dann auf Basis unserer Entwurfszeichnungen durch BAM als Bauunternehmen
in enger Kooperation mit weiteren Beteiligten wie dem fassadenerfahrenen Ingenieurbüro ABT oder dem Fassadenbauer Sorba.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Welche Rolle spielt BIM bei diesen Abstimmungsprozessen?

testemonial-ccm

Wir arbeiten seit Jahren bei all unseren Projekten standardmäßig mit BIM und haben dazu zahlreiche Spezialisten bei uns im Büro, die das begleiten können. Das sorgt für einen optimierten Workflow und vereinfacht die Kooperation und die Detailabsprachen mit den unterschiedlichen Planungsbeteiligten. Bei dem Depotgebäude hatten wir bereits unseren Wettbewerbsentwurf mit Revit ausgearbeitet.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Charakteristisch für das Depotgebäude ist auch die bewaldete Dachfläche. Wie ist die Idee dazu entstanden?

testemonial-ccm

Den Dachgarten hatten wir schon in unserem ersten Entwurf vorgesehen. Damit kompensieren wir einerseits den Flächenverbrauch, andererseits wollten wir aber auch den bestehenden Museumspark weiter fortschreiben. Winy Maas war Anfang der 1990er-Jahre bei OMA tätig und damals auch ganz direkt an der Planung des Museumsparks beteiligt. Seine Erfahrung aus dieser Zeit kam uns jetzt natürlich zugute.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Die Konstruktion für den Dachaufbau wurde durch „Leven op Daken“ („Leben auf Dächern“) ausgearbeitet, eine Branchen-Plattform, die (intensive) Gründachkonstruktionen fördert und entwickelt und bei der auch CARLISLE® beteiligt war. Beinhaltete die Lösung von LOD auch schon den Einsatz der RESITRIX® EPDM-Bahnen und die Bepflanzung mit Birken?

testemonial-ccm

„Leven op Daken“ hat bereits 2015 ein Konzept entwickelt, um uns bei unserer Planung zu unterstützen. Der komplette Dachaufbau von der Dampfsperre bis zur Wahl der EPDM-Abdichtung ist also ein LOD-Konzept. Das beinhaltet auch die Materialauswahl. 

Fokke Moerel MVRDV Partnerin

Abgesehen von dem Depotgebäude spielen Gründächer bei zahlreichen Planungen von MVRDV eine wichtige Rolle. Das beginnt mit den übereinander gestapelten Landschaften beim EXPO-Pavillon in Hannover und reicht bis zu Ihrem aktuell umgesetzten Wohnturm „The Valley“ in Amsterdam, die beide wie das Museumsdepot in Rotterdam mit EPDM-Produkten von CARLISLE® umgesetzt wurden. Welche Vision verbinden Sie mit dem Thema Gründach?

testemonial-ccm

Dieser spielerische Umgang mit Natur hat uns von Anfang an beschäftigt. Das ist sicher auch eine typisch niederländische Herangehensweise: Wir wissen, dass unser Land zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel liegt und nur durch intelligente Ingenieurtechnik dauerhaft bewohnbar ist. Das schafft einen ganz anderen Blick auf das Thema Natur. Gleichzeitig müssen wir nach Strategien suchen, um die begrenzte Fläche der Niederlande möglichst optimal zu nutzen und zu verdichten. Da sind Gründächer eine ideale Lösung.

Fokke Moerel MVRDV Partnerin