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Niederländische Architektur ist ein weltweites Exportprodukt

Spätestens mit der Jahrtausendwende begann der Hype um niederländische Architektur. Es bleibt jedoch die Frage nach ihrem Erfolgsgeheimnis, nach dem Entstehen sowie der Umsetzung der originellen und effektiven Ideen. Ein Erklärungsversuch von Jan Knikker, Partner bei MVRDV.

Würfelförmige Häuser, die auf der Spitze stehen, eine Markthalle in Form eines gigantischen Hufeisens, eine Bibliothek mit hellgelben Lüftungsschächten, daneben ein knallroter Wohnturm. Das Zentrum von Rotterdam sieht an manchen Stellen aus wie ein Freiluftarchitekturmuseum. Und das trotz der niedrigen Baupreise, von denen deutsche Bauherren nur träumen können: schon für 900 Euro pro Quadratmeter kann man in Holland Büros bauen. Und das auch noch mit gewagten, spannenden Entwürfen, wo in Deutschland oft Ödnis herrscht wie die Süddeutsche Zeitung bemängelt.

„In Deutschland gibt es eine Kultur der Angst. Neue Gebäude sollen möglichst neutral aussehen. Damit die Investoren sie leichter wieder verkaufen können und die Stadt ein einheitliches Bild bewahrt“, sagt MVRDV Gründungspartner Winy Maas, der den Entwurf der Markthal Rotterdam geleitet hat.

Markthal Rotherdam

©Ossip-van-Duivenbode

Die Markthal kann man als bemerkenswertes Objekt erfassen, mit seiner großen Halle und dem enormen, fast barocken Deckengemälde, oder man sieht es als eine mutige und zugleich schlaue Lösung, die aus einem verhältnismäßig kleinen Budget das Beste herausgeholt hat. Man hat Wohnungen genommen, diese zu Wänden und einer Decke aufgestapelt und so fast gratis eine Markthalle bekommen. Gebaut für nur 1.750 Euro pro Quadratmeter.

Gründungspartnerin Nathalie de Vries fasste die nationalen Klischees europäischer Baukultur einmal ironisch zusammen, wonach die deutsche Architektur technologisch sei, die französische elegant und die belgische minimalistisch. Und die holländische, lässt sich die auch auf ein Klischee reduzieren? Die niederländischen Botschafter sagen gerne im Ausland, dass es Demokratie ist, sie bauen gerne einfach, bürgerlich und ohne Monumentalismus. Ein berühmtes niederländisches Sprichwort besagt, dass, wenn man sich normal benimmt, man schon verrückt genug ist. Das kann man allerdings auch umdrehen: Wenn niederländische Architekturstudenten an der Universität eine Ausbildung erhalten, in der konzeptuelles Denken stimuliert wird, Pragmatismus, Innovation und auch eine Prise Humor gewünscht ist, kann man auf diesem dann normalen Niveau ganz außergewöhnliche Architektur schaffen.

VALLEY-Amsterdam–MVRDV

VALLEY, Amsterdam – MVRDV

Dieses konzeptuelle und pragmatische Denken hat niederländische Architektur zu einem weltweiten Exportprodukt gemacht und damit aber auch zu einer internationalen Zusammenarbeit, die praktisch keine Grenzen mehr kennt. In vielen Rotterdamer Architekturbüros sind 30 oder mehr Nationalitäten beschäftigt, einerseits aus praktischen Gründen, andererseits aber auch, um ein offenes Visier zu behalten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Team aus Niederländern, Deutschen, Indern und Amerikanern an einem Projekt in Argentinien zusammenarbeitet.

Das wird als kulturelle Bereicherung und Gewinn für alle Seiten gesehen, so gesehen ist nicht die niederländische Architektur mit einem einheitlichen Stil oder die niederländische Identität das Exportprodukt, sondern die Arbeitsmethode, die sich auszeichnet durch Liberalität, Aufgeschlossenheit und Mut zu unkonventionellen Lösungen und die oft in starken Konzepten mit Egalitarismus und einem Sinn für Humor resultiert. Da für den Bau oftmals nur erstaunlich niedrige Budgets zur Verfügung stehen, wird immer wieder mit neuen Materialien experimentiert. Sozusagen die Suche nach dem heiligen Gral, um doch noch etwas Besonderes machen zu können. Vielleicht liegt darin ja das Erfolgsgeheimnis – gegebene Grenzen werden kreativ neu interpretiert zu fantastischen Chancen.

 

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